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Prolog zur Feier von Beethovens hundertstem Geburtstag in Zürich 1870

Beschreibung:  Ein Gedicht von Gottfried Keller
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ISBN: 3458326588   ISBN: 3458326588   ISBN: 3458326588   ISBN: 3458326588 
 
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Prolog
zur
Feier von Beethovens hundertstem Geburtstag
in Zürich (1870)


Man sagt, daß in der Völkerschlacht,
Wo donnern Stück und Wagen,
In schmelzenden Gesanges Pracht,
Als wär' der schönste Lenz erwacht,
Die Nachtigallen schlagen.

In Busch und Baum die Schlacht entlang,
Verborgen in den Wettern,
Wetteifernd mit Drommetenklang
Und der Gefall'nen Wehgesang
Hört man die Triller schmettern.

Sie halten den Streit für Frühlingslust,
Den Tod für holdes Minnen,
Sind keiner Sorge sich bewußt –
Da fährt das Blei durch ihre Brust
Und reißt das Nest von hinnen.

So war's, als des Jahrhunderts Thor
Aufsprang mit eh'rnen Pforten,
Ein roter Morgen trat hervor,
Mit ihm ein endlos langer Chor
Von blutenden Cohorten.

Was tausendjährig, sank in Staub
Wohl unter ihren Schritten,
Und Glück und Staub des Cäsars Raub,
Er selber dann wie falbes Laub
Knirscht' unter des Siegers Tritten. –

Da saß ein stiller Mann im Land,
Dem war Gewalt gegeben,
Zu wirken mit gefeiter Hand
Ein tausendtönig Zauberband
In das empörte Leben.

Er goß des Wohllauts süßen Wein
Aus über die Wogenheere;
Mocht' noch so laut die Brandung schrei'n,
Doch stärker klang sein Spiel darein,
Wie Orgelton am Meere.

Nicht sorglos wie die Nachtigall
Hat er sein Lied gesungen;
Es war der großen Klage Schall,
Die Menschenherz und weites All
Geheimnisvoll durchdrungen.

Der Klage, die mit höchster Kraft
In Freude dann sich wendet,
Und die, den Sternen kühn entrafft,
Den letzten Kranz der Meisterschaft
Dem sel'gen Sänger spendet.

Vorüber zogen hundert Jahr',
Seit er ans Licht geboren;
Hin ist die Welt, die mit ihm war, –
Noch wandeln seine Sterne klar
Im Aether unverloren.

Noch hallt sein unsichtbares Haus
Und klingt von Meer zu Meere,
Und wieder haus't des Sturmes Graus,
Geharnischt führt der Tod hinaus
Zahllose Völkerheere.

Ein Cäsar liegt – mit gold'ner Zier
Wird sich der Deutsche krönen;
Sein Donner grollt – doch ferne hier
In gold'nem Frieden lassen wir
Des Zaub'rers Lied ertönen.

  
Die Leute von Seldwyla: Vollständige Ausgabe der Novellensammlung (insel taschenbuch)
von Gottfried Keller
Siehe auch:
Der grüne Heinrich
Züricher Novellen (Deutscher Klassiker Verla...
Spiegel, das Kätzchen: Ein Märchen aus Seldwyla
Bunte Steine: Erzählungen
Kleider machen Leute
Der grüne Heinrich: Erste Fassung Roman
 
   
 
     

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