|
Nachdem wir nun begraben, was das letzte Jahrhundert, das wir lebten,
groß gemacht Und reich, an Schicksal wie an Thaten, An hochgespanntem
Denken und Empfinden, Daß hier in einer Nacht die Haare
bleichten Und dort ein Tag ein Leben in sich trug Erhöhten Seins,
voll Geisterseligkeit So übrigt uns, gleich armen Aehrenlesern, Die
Gräber überspringend, rückzugreifen Und den erwählten Tagen
nachzugeh'n, Die all' dies Leben uns ans Licht geboren. Denn nach dem
Einzeln messen wir die Menschheit, Bis uns das Maß der matten Hand
entsinkt Und wir dahingeh'n, ungewiß, ob einst Das Ganze größer als der
Teil wird werden.
Heut ist der Ehrentag der schwäb'schen Mutter, Die ihre Freude an die
Brust gelegt, Nicht ahnend, was der Welt sie weihvoll brachte. Ein weis'
Gesetz verhüllt, wie aller Liebe, So auch der unschuldvollen Mütter
Auge; Denn wüßten sie, was sie auf Händen tragen, So schlüge
hochverwirrt ihr weiches Herz Vor Stolz und Wonne oder auch vor
Grauen, Und stürmisch flöß dem Kind die weiße Nahrung, Das erste süße
Mittel widern Tod.
Doch heute, wo der Tag sich hundertmal Ruhmvoll erneut und hundertfältig
leuchtet, Heut schau'n wir sehnsuchtsvoll den lichten Mann, Den jene
Sonne uns heraufgebracht, Und sehen seine morgenrote Bahn Mit hellem
Vorwurf uns herüberglänzen Auf dieses Brachfeld einer Zwischenzeit.
Und wo im weiten Reich des deutschen Wortes Und wo es wanderlustig
hingezogen, Sich überm Meer Kraft und Gestalt zu suchen, Drei Männer
sind, die nicht am Staube kleben, Da denken sie bewegt an Friedrich
Schiller Und mit ihm an das Beste, was sie kennen! Er aber ruft aus
seinem ew'gen Morgen: Ich steh' euch fest und steh' euch
unbezwinglich! Und hilft's euch nicht, so steh' ich euern Kindern Und
auch den Kindern steh' ich eurer Kinder, Bis sie gelernt mit reiner,
starker Hand Das alte Sehnen frei sich zu erfüllen Und meisterlich zu
leben wie sie denken!
Wir aber an der Grenzmark seiner Sprache, Wir hier im alten ehrenreichen
Bern, Der neuen Bundesstadt der Eidgenossen, Wir rufen seinen Schatten,
wohlbewußt Deß, was wir thun, laut her in uns're Mitte; Wir richten auf
sein Bild in unsern Herzen Und wissen zwiefach wohl, warum wir's thun!
Zwar lehret nicht die Not des Tages uns Zu solchen Sternen aus
Verzweiflung beten; Denn treulich fest besteh'n wir unser Dasein Und
hoffen Daseinsrecht auch zu erhärten, Sobald die Stunde nicht mehr säumt,
die drohend Uns einen Frager vor die Schwelle führt. Ob wir in unserm
Land gelassen hausen, Ob regen Sinnes in die Ferne schweifen, Wir
schaffen allwärts recht und schlecht das uns're, Nie rühret uns, was
unerreichbar ist. Auch kitzelt uns nicht müßige Verehrung, Ein Bild zu
schaffen und es anzubeten, Weil stolz bescheiden wir uns rühmen
dürfen: So manchen guten Mann wir unser nennen, Die Quelle seines Wertes
springt im Volke, Und was er ist, dankt jeder dieser Quelle. Und dennoch
preisen wir des Tages Helden Im wohlerwognen Sinn für künft'ge Tage.
Uns hat das Schwert das Vaterland gegründet, Wie's uns behagt, ein warm
gebautes Haus. Die eig'ne Treu, dazu die Gunst des Himmels, Ein
freundlich Glück im Sturmgewog' der Zeiten Erhielten uns das Haus mit
seinem Wappen. Doch was der Väter Schwert nachhaltig schuf, Was der
Geschlechter treue Denkart wahrte Und was des Himmels Sonne hell
besiegelt: Nicht ist es uns ein Bett der trägen Ruhe, Der Buhlerin des
grauen Unterganges! Nein, rüstig leben wir und thun es kund Im rastlos
wachen Fleiß, der sich ergeht In Thalesgründen und auf luft'gen
Höhen, Und uns're hurt'gen Wasser treiben lachend, Das Land durcheilend,
tausend schnelle Räder. Auf allen Meeren schwimmen uns're Güter, Und wo
die großen Völker ihre Märkte Wetteifernd halten, breitet auch der
Schweizer Rühmlich die reichgehäuften Waren aus. Zugleich wird fort und
fort das alte Schwert Mit neuem Eifer vorbedacht geschliffen, Dem
ärmsten Mann im Land zu Trost und Freude. In hellen Sälen wird Vertrag und
Recht, Gesetz und Ordnung forschend ausgebildet, Wie es das wechselvolle
Leben heischt; Und selbst der Gegensätze zorn'ge Flammen Besiegt die
stärk're Hand des guten Willens, Der nicht vergeblich in die Schule
ging.
Doch ist der Augenblick uns nicht das Höchste! Drum führt der
kinderfrohe Schweizermann Der Jugend Scharen auf die freien Fluren, Da
läßt er kühn sie in der Sonne spielen, An Tage sinnend, wo er nicht mehr
lebt; Und denkt er ehrend der Vergangenheit: Des Landes Hoffnung liebt
er wie sich selbst. Der Enkel Wohlfahrt wägt er als die eig'ne, Das ist
die schönste Krone, die ihn ziert.
Das ist das Wort! und mutig sag' ich es: Vorüber sind die halbbewußten
Tage Unsichern Werdens und dämon'schen Ringens! Und freudig sag' ich:
unserer Geschichten Sei nur das erste Halbteil nun gethan! So gilt es
auch, die andre schuld'ge Hälfte Mit unerschlaffter Hand
heranzuführen, Daß hell das Ende, das uns einst beschieden, Sich in des
Anfangs fernem Glanze spiegle, Und daß es heißt: was diese werden
konnten, Das haben sie voll Lebensmut erfüllt! Auf! schirrt die Wagen!
bewimpelt eure Schiffe, Ins Reich der dunkeln Zukunft auszufahren, Ein
einig durchgebildet Volk von Männern, Das redlich selbst sich prüft und
kennt und dennoch In ungetrübter Frische lebt und wirkt, Daß seine
Arbeit festlich schön gelingt, Und ihm das Fest zur schönsten Arbeit
wird!
Zur höchsten Freiheit führt allein die Schönheit; Die echte Schönheit
nur erhält die Freiheit, Daß diese nicht vor ihren Jahren
stirbt. Vollkraft und Ebenmaß giebt sie dem Denken Schon eh' es sinnlich
sich zur That verkörpert, Und knechtisch ist das unschön Mißgestalte Im
Keim verborgener Gedanken schon, Drum gelt' es uns, ein hohes Ziel zu
stellen: Da nun die niedern Mächte überwunden, Die gröbern Elemente sich
gefüget, Laßt uns der Schönheit einen Ort bereiten, Daß sie das
Eigenart'ge und Besond're, Was uns beschränkt, frei mit der Welt
verbinde Und auch bei uns zugleich Gestalt erwerbe, Sie, die oft
heimatlos im Aether wohnt!
Sie klärt des Priesters Wort zur reinen Liebe, Sie hellt dem Ratsmann
trefflich den Verstand, Sie macht des Kriegers Waffen scharf und
glänzend; Dem Werkmann adelt sie die harte Arbeit, Erhebt den Kaufmann
über die Gefahr, Sein Herz in seinen Schätzen zu begraben, Und schützt,
wie vor dem Rost des rohen Geizes, Vor weichlicher Entnervung seinen
Sinn; Und selbst der Leidenschaft, die nimmer stirbt, Nimmt sie das
Gift, das zum Verderben führt. Um alle windet sie ein Zauberband, Das
gleich uns macht im edlern Sinn des Wortes Wertvoll und fähig zu der
Freiheit Zwecken.
Nicht ist's die Schönheit, die Despoten pflegen, Der Unterworf'nen
blödes Aug' zu blenden, Mit trügerischem Reiz das Land bethörend! Und
nicht die Schönheit, die verfall'ne Völker Mit Tonnen Goldes auf dem Markte
kaufen, Zum Histrionendienste sie zu zwingen! Nicht ist's die Schönheit,
die voll Eitelkeit Und Selbstsucht sich mit Pfauenfedern schmückt Und
wie der Pfau von allen Dächern kräht; Und nicht die Schönheit, die, das
Aug' verdrehend, Mit matter Salbung schale Heuchler pred'gen, Die auf
den Gassen mit der Halbheit buhlen, Der Dinge Wesen schwächlich
übertünchend, Und mit dem unerschöpften Redeschwall Die Kraft zur
schönen That im Keim ersticken! Die Schönheit ist's, die Friedrich Schiller
lehrt, Die süß und einfach da am liebsten wohnt, Wo edle Sitte sie dem
Reiz vermählt Und der Gedanken strenge Zucht gedeiht! Die Schönheit
ist's, die nicht zum Ammenmärchen Die Welt uns wandelt und das
Menschenschicksal, Zaghaft der Wahrheit heil'gem Ernst entfliehend
Nein! die das Leben tief im Kern ergreift Und in ein Feuer taucht,
d'raus es geläutert In unbeirrter Freude Glanz hervorgeht, Befreit vom
Zufall, einig in sich selbst Und klar hinwandelnd wie des Himmels
Sterne! Die Schönheit ist's, die Friedrich Schiller lehrt Und die mit
eig'nen Tagen er gelebt, Die jugendlich, ein schäumender Alpenstrom, Die
erste Kraft in jähem Felssprung übt, Dann aber sich vertieft im klaren
See Und auferstehend aus der Purpurnacht Dem Meer der Ewigkeit und der
Vollendung Kraftvoll mit breiter Flut entgegen zieht!
Ist uns ein Stern und Führer nun vonnöten, Des Schönen Schule stattlich
aufzubau'n: Er ist der Mann! ihn führen wir herein In uns're Berge,
deren reine Luft Im Geist in vollen Zügen er geatmet Und sterbend in ein
Lied hat ausgeströmt, Das uns allein schon eine hohe Schule Der wahren
Schönheit ist, wie wir sie brauchen! Die das Gewordene als edles Spiel
verklärt, Das seelenstärkend neuem Werden ruft, Daß Dichtung sich und
kräft'ge Wirklichkeit In reger Gegenspieglung so durchdringen, Wie sich,
wo eine wärm're Sonne scheint, Am selben Baume Frucht und Blüten
mengen, Bis einst die Völker selbst die Meister sind, Die dicht'risch
handelnd ihr Geschick vollbringen.
Ein großer Torso ist's, den heut wir feiern, Dem allzufrüh das große
Leben brach; Und unermeßlich ist, was ungeschaffen Er mit hinab zur
Nacht des Todes trug! Doch jeder Teil von ihm, der uns geblieben, Birgt
in sich eine Welt urweiser Schönheit, Vollendet ans Unendliche sich
knüpfend, Und lehrt uns so zu handeln, daß wenn morgen Ein Gott uns
jählings aus dem Dasein triebe, Ein fertig Geistesbild bestehen bliebe.
Was unerreichbar ist, das rührt uns nicht, Doch was erreichbar, sei uns
goldne Pflicht! |