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Halb sorg- halb lustbewegt zieh'n wir das Tuch, Das leichte, das ein
leichtes Spiel verhüllt, Empor zum niedern Himmel dieser
kleinen Gemalten Welt, ein Spiegel eurer großen. Von Lust bewegt sind
wir, voll anzustimmen Das endlos stäte, wechselvolle Lied Des alten
Menschenschicksals, dessen Rad, Wie eine Mühl' am Bächlein, ewig
dreht An ros'ger Quelle herzentströmten Blutes. Laut mitzusingen diesen
alten Sang, Schon wiegend uns in den gemess'nen Rhythmen, Zieh'n wir
entschlossen rasch den Vorhang weg, Doch sorgerfüllt auch, weil wir fremd
euch sind Und ungewiß des Beifalls eurer Augen.
Dort, wo die Gärtner ihre Blumen pflegen, Sagt man vom Flor, der einen
Sommer lang Nur blüht, um dann dem Mutterschoß der Erde Entrafft zu
werden: das ist Sommerflor! Uns, die wir kommen, wann die Schwalben
ziehen, Und gehen, wann der holde Mai erschien, Um winterlang an dieser
Lampen Licht Ein kurzes Blütenleben zu entfalten, Uns nennt man füglich
armen Winterflor. Ja, wann der Sonnenwagen höher steigt Und abendlich
der trüben Lampen spottet, Dann wandern schon wir wieder in der
Ferne, Und keines weiß, ob es je wiederkehrt.
Denn dieses Haus, auf alten Mauern ruhend, Es bietet dennoch keinen
festen Stab, An dem ein Kunstgesetz mag dauernd ranken Und Wurzel fassen
in des Volkes Leben, In seiner Sitte und der reichen Sage Des Landes,
d'rin der Tell einhergeschritten. Ja, dieses Volk, in reg' empfund'nem
Triebe, Eilt aller Kunst voran und übt sich frei, Gesetzlos spielend auf
den freien Fluren; Da sieht man oft auf kaum ergrünter Wiese Ein leicht'
Gerüst, drauf unter Frühlingswolken In bunter Tracht, voll Eifer, es
tragieren, Von seiner eig'nen Menge ernst umringt. Und schließt die
Handlung, so begeh'n die Spieler Vereint in einem Zuge mit den
Hörern Des Orts Gemarkung feierlichen Schritts; So freut das Volk der
trauten Heimat sich. Wir aber, fremd, verdrängen Schar um Schar Uns,
niemals heimisch, jede wischt die Spur Der andern eilig aus, und wen'ge
nur Hört man, schon halb vergessen, flüchtig nennen.
Wie man uns sagt, war hier in diesen Mauern In alter Zeit ein Schauplatz
höh'rer Art; Die bunte Leinwand uns'rer Scene birgt Die Pfeiler eines
Gotteshauses, d'rin Das knie'nde Volk in priesterlichem Pomp Das hehre
Spiel der Wandlung Gottes sah.
Verschollen sind und Asche längst die Priester! Doch seht, hier dicht am
Kreuzgang, der noch steht, Und eingebaut in seine got'schen Bogen, Der
nächste Nachbar klangerfüllter Bühne Ist das Theater der
Gerechtigkeit! Da sieht das Volk geschworene Richter sitzen, Die ernst
und tief der Menschen Schuld erwägen; Hört die erstaunliche
Beredsamkeit Und Kunst der Todesfurcht, womit die Schuld'gen Den Dialog
mit ihrem Kläger führen Und die gelass'nen Zeugen grimmig schelten, Bis
sie besiegt die Maske von sich werfen, Um Gnade flehend, oder auch mit
Ruh', Die bessrer Sache würdig, untergehn. Und eine Handlung, grau'n-
und schicksalsvoll, Verdrängt die and're vor entsetzter Menge. Wohl auch
Gelächter füllt den bangen Raum, Wenn schlimme Thoren um unsäglich
Schnödes Sich noch vor Schwert und Wage trüglich streiten Und possenhaft
dem Richterspruch erliegen.
Und wagen dennoch wir das Musenspiel An solchem Ort, in solcher
Nachbarschaft? Wenn wir's gesteh'n, sie schrecken uns nicht weg, Sie
mahnen uns, den tiefen Ernst zu suchen, Der unserm Spiel sein höh'res Recht
verleiht. Uns klingt das Lied des Dichters in den Ohren Von jenen
Kranichen des Ibykus, Und schauernd fühlen wir den Mut in uns, Das Herz
bewegt, das Trauerspiel zu wagen Von Menschenschuld und Sühne des
Gewissens; Uns reizt der Wettkampf auch mit der Natur, Wenn sie durch
Leidenschaft den höchsten Stil gewinnt.
Doch wie es euch gefällt! Nicht wir sind es, Die euch belehren dürfen
über euren Sinn. Gefällt es euch, in heit'rem Wechsel stets Aus weiter
Welt das Neuste herzuholen: Wohlan, wir selbst sind hier durch diesen
Sinn Und eures Urteils aufmerksam gewärtig. Wir spielen eure Welt, wie
wir's versteh'n Und wie der Geist uns treibt, und müßten spielen Auch
wenn kein Augenstern uns freundlich glänzte, Und dünken uns dabei recht was
zu thun! Vergönnt uns diesen Stolz! er ist das Maß Der Ford'rung, die
wir ehrlich selbst uns stellen. Dem Guten schenket Nachsicht, das wir
geben, Das Beste noch bedarf der Freundlichkeit; Und wo wir fehlen,
schenkt den Tadel nicht, Doch seid gerecht, dies ist des Schauers
Pflicht! Und richtet er mit ungeschickter Hand, So wird er selbst des
Spielers Gegenstand!
+) ÷Das Theater in Zürich wird nur im Winter benutzt,
unter jährlichem Wechsel der Schauspieler. Es ist in Schiff und Chor
der ehemaligen Barfüßerkirche eingebaut; an den zum Teil noch
erhaltenen Kreuzgang stößt anderseits der Schwurgerichtssaal.¨
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