Titel:

Ein Tagewerk

Beschreibung:  Ein Gedicht von Gottfried Keller
Artikelliste
english
  
ISBN: 3122626284   ISBN: 3122626284   ISBN: 3122626284   ISBN: 3122626284 
 
  Wir empfehlen:       
 

Ein Tagewerk


I

Vom Lager stand ich mit dem Frühlicht auf
Und nahm hinaus ins Freie meinen Lauf,
Wo duftiggrau die Morgendämmrung lag,
Umflorend noch den rosenroten Tag;
Mich einmal satt zu geh'n in Busch und Feldern
Vom Morgen früh bis in die späte Nacht,
Und auch ein Lied zu holen in den Wäldern,
Hatt' ich zum festen Vorsatz mir gemacht.

Rein war der Himmel, bald zum Tag erhellt,
Der volle Lebenspuls schlug durch die Welt;
Die Lüfte wehten und der Vogel sang,
Die Eichen wuchsen und die Quelle sprang.
Die Blumen blühten und die Früchte reiften,
Ein jeglich Gras that seinen Atemzug;
Die Berge standen und die Wolken schweiften
In gleicher Luft, die meinen Odem trug.

Ich schlenderte den lieben Tag entlang,
Im Herzen regte sich der Hochgesang;
Es brach sich Bahn der Wachtel heller Schlag,
Jedoch mein Lied – es rang sich nicht zu Tag.
Der Mittag kam, ich lag an Silberflüssen,
Die Sonne sucht' ich in der klaren Flut
Und durfte nicht von Angesicht sie grüßen,
Der ich allein in all dem Drang geruht.

Die Sonne sank und ließ die Welt der Ruh',
Die Abendnebel gingen ab und zu;
Ich lag auf Bergeshöhen matt und müd',
Tief in der Brust das ungesungne Lied.
Da nickten, spottend mein, die schwanken Tannen,
Auch höhnend sah das niedre Moos empor
Mit seinen Würmern, die geschäftig spannen,
Und lachend brach das Firmament hervor.

Vom Osten wehte frisch und voll der Wind:
"Was suchst du hier, du müßig Menschenkind,
Du stumme Pfeife in dem Orgelchor,
Schlemihl, der träumend Raum und Zeit verlor?
Dir ward das Leichteste, das Lied, gegeben,
Das, selbst sich bauend, aus der Kehle bricht;
Du aber legst dein unbeholfen Leben
Wie einen Stein ihm auf den Weg zum Licht!"

Sprach so der Wind? O nein, so sprach der Schmerz,
Der mir wie Ketten hing ums dunkle Herz!
Ein fremder Körper ohne Form und Schall,
So, däuchte mir, lag ich im regen All.
Und Luft und Tannen, Berge, Moos und Sterne,
Sie schlangen lächelnd ihren weiten Kranz;
Wie an der Insel sich das Meer, das ferne,
Brach sich an mir ihr friedlich milder Glanz.

 

II

Aber ein kleiner goldener Stern
Sang und klang mir in die Ohren:
"Tröste dich nur, dein Lied ist fern,
Fern bei uns und nicht verloren!

Findest du nicht oft einen Klang,
Wie zu früh herüber geklungen?
Also hat sich heut dein Sang
Heimlich zu uns hinüber geschwungen!

Dort, im donnernden Weltgesang,
Wirst du ein leises Lied erkennen,
Das dir, wie fernster Glockenklang,
Diesen Sommertag wird nennen.

Denn die Ewigkeit ist nur
Hin und her ein tönendes Weben;
Vorwärts, rückwärts wird die Spur
Deiner Schritte klingend erbeben,

Deiner Schritte durch das All,
Bis, wie eine singende Schlange,
Einst dein Leben den vollen Schall
Findet im Zusammenhange."

  
Kleider machen Leute: Gottfried Keller 'Kleider machen Leute', Arbeitsheft (Broschiert)
von Karin Pohle,
Gottfried Keller
Siehe auch:
Kleider machen Leute.
von Gottfried Keller
Kleider machen Leute. (Lernmaterialien) (TaschenBücherei)
von Gottfried Keller
Kleider machen Leute
EinFach Deutsch - Unterrichtsmodelle: Gottfried Keller 'Kleider machen Leute'
von Sandra Greiff-Lüchow
 
    
     

Diese Seite ist Bestandteil folgender Projekte: CopyrightedBy.com, Poesie.

Zurück zu Themenseiten:
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/K/Keller
Poesie/Startseite/gedichte_e

Das Setzen von Verweisen (Links) auf diese Seite ist gestattet und bedarf keine vorherige Absprache.

Artikelliste:
Abschiedslied. An einen auswandernden Freund
Alte Weisen
Am Sarg eines neunzigjährigen Landmannes vom Zürichsee. 1846
Am Ufer des Stromes
Am Volkstage in Solothurn 1873. Schlußgesang
Am Vorderrhein
An Frau Ida Freiligrath 1846
...
   
  english  |  Bookmark setzen  |  Webseite weiterempfehlen  |  Impressum