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Ein provozierendes Meisterwerk
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Die Blechtrommel ist 50 Jahre alt geworden! Vielleicht, ja wahrscheinlich, ist sie heute schon als Klassiker zu bezeichnen, aber vor allem ist sie ein nicht nur lesens- und empfehlenswertes Buch, sondern ein echtes, wenn auch provozierendes, Meisterwerk.
Die "Blechtrommmel" handelt - um ihren Inhalt kurz zusammenzufassen - von dem Leben des Oskar Mazerath, der 1924 in Danzig geboren wurde und im Jahr 1954, nunmehr Insasse einer bundesdeutschen "Heil- und Pflegeanstalt" (heute würde man sagen: Psychiatrisches Krankenhaus), sein Leben rückblickend erzählt, meist in der ersten, doch gelegentlich in die dritte Person ("Oskar") springend. Oskar ist eine durchaus ungewöhnliche Person, denn seine geistige Entwicklung ist bereits bei der Geburt abgeschlossen, und an seinem dritten Geburtstag stellt er sein Wachstum ein. Dies ermöglicht ihm, eine unkonventionelle Perspektive einzunehmen und eigenwillige Erkenntnisse über die Erwachsenenwelt zu Tage zu fördern. In gewisser Weise ist die "Blechtrommel" ein Entwicklungsroman, oder besser gesagt, die Parodie eines Entwicklungsromans, denn Oskar entwickelt sich eigentlich gar nicht. Er ist auch kein Held, jedenfalls kein sympathischer. So bezichtigt er sich, sowohl am Tod seiner Mutter als auch seiner beiden Väter (seines nominellen Onkels und wahrscheinlichen biologischen Vaters Jan Bronski und seines "mutmaßlichen", jedenfalls gesetzlichen Vaters Alfred Mazerath) schuld zu sein.
Die Handlung des in Rückblenden erzählten Romans beginnt im Jahr 1899 und führt bis ins Jahr 1954. Die groteske und bizarre Szene, in der Oskars Mutter auf einem kaschubischen Kartoffelacker gezeugt wird, gibt den Ton für das ganze Buch vor. Die "Blechtrommel" quillt geradezu über vor einer barocken, kräftigen und deftigen, derben und saftigen Sprache, sie schäumt förmlich über vor unbändiger Formulier- und Fabulierlust, vor bizarrer und absonderlicher Einfälle, wobei die manchmal nicht enden wollenden Sprachfantasien oft genug zur Hauptsache werden und wegführen von der alles in allem übersichtlichen Handlung.
Die "Blechtrommel" erzählt, unsentimental und ohne jede Nostalgie, vor allem die Geschichte der Freien Stadt Danzig, jenes nach dem Ersten Weltkrieg gebildeten Stadtstaates, der 1939 von Deutschland besetzt wurde und nach 1945 ein Teil Polens wurde. Günther Grass malt das Bild dieser Stadt in ungeheuer leuchtenden und eindrucksvollen Farben. Aber vor allem schildert die "Blechtrommmel" mit beklemmender Eindringlichkeit die Kleinbürgerwelt. Indem wir die Nazis als schäbige und erbärmliche Kleinbürger vor Augen gestellt bekommen, ohne Dämonisierung, ohne antifaschistisches Pathos, gelingt dem Autor - gewissermaßen nebenbei - ein wahrhaft vernichtendes Verdikt über das Dritte Reich und seine Protagonisten. Die Souveränität, mit der der bei Erscheinen des Buchs noch recht junge Autor ein Zeitpanorama entwirft und über seine künstlerischen Mittel verfügt, ist imponierend.
Ein Buch, das man gelesen haben muss!
Eine Rezension von Thomas Dancker >
vom 17. Februar 2010 |